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Aus für Kobra & Co

PRO WILDLIFE begrüßt Hessens neues Haltungsverbot für gefährliche Wildtiere

 München, 22. Oktober 2007: Mit einem neuen Gesetz hat das Land Hessen die Vorreiterrolle im Kampf gegen die Haltung gefährlicher Wildtiere übernommen. Zahlreiche bissige und giftige Tiere dürfen seit dem 9. Oktober in Hessen von Privatpersonen nicht mehr gehalten werden. Die Artenschutzorganisation PRO WILDLIFE begrüßt diesen Schritt: „Angesichts von etwa 250.000 Riesen-, 100.000 Giftschlangen und zahlloser anderer gefährlicher Exoten unter deutschen Dächern war dieses Gesetz längst überfällig“, sagt PRO WILDLIFE-Sprecherin Dr. Sandra Altherr. PRO WILDLIFE fordert nun die anderen Bundesländer mit laxeren oder gar fehlenden Regelungen auf, nachzuziehen. Die Artenschutzorganisation drängt seit langem auf ein Haltungsverbot von gefährlichen Wildtieren.

Die Änderung des Hessischen Gesetzes über die öffentliche Sicherheit und Ordnung (HSOG) verbietet Privatpersonen das Halten zahlreicher Wildtiere wie Raubkatzen, Bären, Wölfen, Giftschlangen, Skorpionen, Schnappschildkröten und giftiger Spinnen. „Hessens Gesetz ist ein Meilenstein, auch wenn einige Tiere wie Mähnenwölfe, großwüchsige Warane oder hochgiftige Fische von der Regelung ausgenommen bleiben“, so Altherr weiter. PRO WILDLIFE  konnte erreichen, dass das neue Gesetz auch für Menschenaffen und große Riesenschlangen gilt. Das Haltungsverbot nach §43a HSOG bedeutet auch, dass Privatpersonen in Zukunft diese Tiere weder kaufen, tauschen, verschenken oder züchten dürfen. Alle Tiere, die schon vor Inkrafttreten des Gesetzes gehalten wurden, müssen angemeldet werden.

Der Vorstoß Hessens war dringend nötig. In Deutschland verzeichnen die Giftnotrufstellen täglich zwei Unfälle mit giftigen Schlangen, Skorpionen, Spinnen oder Fischen – Tendenz steigend. „Dabei sind nicht nur die Halter selbst betroffen. Uns sind sogar Unfälle mit Babys bekannt“, sagt Altherr. „Dies zeigt den leichtsinnigen Umgang mit Tieren, deren Bisse schwere Blutgerinnungsstörungen, Muskel- oder Atemlähmung, das Absterben von Gewebe oder gar den Tod verursachen können.“

Mamba per Mausklick

Die Artenschutzorganisation PRO WILDLIFE prangert seit Jahren den Handel mit gefährlichen Tieren an. „Selbst völlig unerfahrene Laien können sich in Deutschland über das Internet problemlos tödlich giftige Tiere besorgen: Da wird die Mamba einfach per Mausklick in den virtuellen Warenkorb gelegt. Private Kurierdienste liefern die gefährliche Fracht dann nach Hause“, berichtet die Biologin. „Auch Reptilienbörsen für Wildtiere sind ein Mekka für Leute, die sich lebende Zeitbomben zulegen möchten. Dort wird fast alles feilgeboten, was die Natur hergibt – darunter auch Giftschlangen wie Kobras, Klapperschlangen oder Vipern, die in kleinen Frischkäseschachteln zum Verkauf stehen. Diesen Handel zu verbieten, muss der nächste Schritt sein.“

Über PRO WILDLIFE:

PRO WILDLIFE ist eine gemeinnützige Organisation, die sich global für den Schutz von Wildtieren und ihrer Lebensräume einsetzt. Weltweit unterstützt PRO WILDLIFE Artenschutzprojekte vor Ort und leistet Aufklärungsarbeit, um Wildtierhandel und Wilderei einzudämmen.

PRO WILDLIFE nimmt an Konferenzen wie der Internationalen Walfangkommission (IWC), dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen (WA, engl. CITES) oder der Konvention zum Erhalt der Biodiversität (CBD) teil, um den Schutzstatus von Wildtieren weltweit zu verbessern.

 

Exotenhandel - Ein tödliches Geschäft

Unzählige Wildtiere enden in deutschen Käfigen, Aquarien und Terrarien

Deutschland gehört zu den größten “Verbrauchern” von Wildtieren. Waren in den 80er Jahren Papageien der Hit unter “Exotenfreunden”, werden inzwischen unzählige andere Vogelarten sowie Reptilien (vom Chamäleon über Warane bis hin zu Gift- und Riesenschlangen) und andere Tiergruppen in Massen vermarktet.

Wühltische für Wildtiere

Kenner der Reptilienszene schätzen, dass in deutschen Wohnungen  etwa 100.000 Giftschlangen und 250.000 Riesenschlangen gehalten werden. Hinzu kommen zehntausende Warane und Chamäleons, unzählige Geckos und Schildkröten. Besonders die seltenen, riesigen oder giftigen Arten erfreuen sich immer größerer Beliebtheit - und immer häufiger kommt es auch zu Unfällen mit giftigen oder gefährlichen Haustieren.

Immer neue Arten tauchen im internationalen Tierhandel und damit auch in deutschen Wohnungen auf: Mitten in Deutschland, in Hamm/Westfalen, hat sich die “weltweit größte Reptilienbörse” (laut Eigenwerbung des Veranstalters) entwickelt: Zweimal im Jahr werden hier an einem einzigen Wochenende zehntausende Reptilien, Frösche, Spinnen und Skorpione verschachert. PRO WILDLIFE dokumentierte, wie hier stapelweise Wildtiere aller Art in winzigen Plastikbechern angeboten werden - und wie lebende Tiere  in regelrechten Wühlkisten unter den Verkaufstischen gelagert werden. Selbst verletzte oder völlig verängstigte Tiere werden umhergereicht, gedreht und betatscht.

Sogar extrem bedrohte oder hochsensible Arten werden an Laien verkauft. Doch der findige Veranstalter hat längst neue Märkte erschlossen: Seit Frühjahr 2002 werden auch exotische Säugetiere über eine Spezialbörse verramscht: Niedlich aussehende, aber gefährliche Raubtiere (z.B. Nasenbären) werden ebenso skrupellos an Privatleute verkauft wie Affen, Gürteltiere oder Kängurus. Auch asiatische Flughunde oder afrikanische Igel sind beliebt. Schließlich sind die in Deutschland heimischen Fledermäuse und Igel für den Exotenhalter tabu: sie unterliegen im Gegensatz zu den exotischen Verwandten strengen Schutzbestimmungen!

Wildfänge - gewaltsam der Natur entrissen

Die Anzahl der Tiere, die insgesamt für den deutschen Heimtiermarkt jährlich gefangen werden, geht weit in die Millionen. Den Großteil hierbei stellten bislang nach den Fischen die Wildvögel und Reptilien.

Bei ungeschützten Arten ist der Anteil von Wildfängen besonders hoch - denn Naturentnahmen sind allemal billiger als aufwändige Nachzuchten. So werden Millionen Zierfische aus den Korallenriffen des Indopazifik oder den Süßwasserseen Afrikas für den deutschen Heimtiermarkt eingefangen, ebenso wie Tausende Säugetiere, Reptilien, Amphibien und Wirbellose Tiere aus aller Welt. Die dramatischen Folgen für die Artenvielfalt in den Herkunftsländern bleiben oftmals lange unentdeckt - und der Handel kann weitergehen.

Bis 2004 importierte die EU jedes Jahr ca. 1,76 Millionen Wildvögel - etwa doppelt soviele wurden in den Ursprungsländern eingefangen, die Hölfte starb bereits vor dem Transport. Dieser grausame Handel ist seit 2005 verboten - denn die Wildvogeleinfuhr bietet ereheblich Gesundheitsrisiken, insbesondere in Bezug auf die Vogelgrippe.

PRO WILDLIFE fordert ein Importverbot für Wildfänge. PRO WILDLIFE zeigt das Ausmaß der Wildentnahmen und die Folgen für die Wildbestände auf. Immer wieder konnten wir auf diese Weise erreichen, dass Arten unter strengeren Schutz gestellt werden, z.B. durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen.

Stummes Leiden und Sterben in deutschen Haushalten

Ein Großteil der importierten Wildtiere ist durch brutale Fangmethoden im Herkunftsland, lange Transportzeiten und die oft wochenlangen Zwischenlagerungen bereits todkrank, bevor sie beim “Endverbraucher” landen. Solche Tiere sind Todeskandidaten. Andere Wildtiere werden von völlig unerfahrenen Haltern gekauft, die die Ansprüche ihrer Pfleglinge nicht kennen oder völlig unterschätzen. Die Beratung in Zoofachgeschäften ist oft mangelhaft, auf Börsen oder im Internet bleibt sie sogar völlig aus.

So werden Leguane und Landschildkröten immer noch mit Katzenfutter ernährt - schlimme Missbildungen der Knochen sind eine häufige Folge. Chamäleons und Schlangen werden in stickigen kleinen Terrarien gehalten und sterben an Lungenerkrankungen. Einsame Wildvögel, die in der Natur in großen Schwärmen leben, rupfen sich kahl und verkümmern. Der Zierfischbestand in Deutschland von 80 Mio. Tieren wird viermal jährlich ausgetauscht - dies ergibt einen “Jahresverbrauch” von 320 Mio. Zierfischen allein in deutschen Haushalten! Die Anschaffungspreise pro Tier liegen häufig weit unter den Ausgaben für die Terrarien, Käfige oder das Aquariumzubehör. Sterben die Tiere, wird oft allein wegen der bereits getätigten Investitionen Nachschub besorgt, statt die erfolglose Haltung einzustellen.

PRO WILDLIFE erstellt Dokumentationen zu den Missständen auf Tierbörsen und in der Privathaltung von exotischen Haustieren. Mit solchen Studien fordern wir vom Gesetzgeber strengere Auflagen für den Handel mit und die Haltung von Wildtieren.

Wildwuchernder Wildtierhandel

Nur ein Teil der hierzulande gehandelten und gehaltenen Arten unterliegt Artenschutzgesetzen, so dass die Importzahlen zumindest erfasst werden. Doch ein Großteil der Wildtierimporte betrifft ungeschützte Arten, Umfang und Artenspektrum liegen völlig im Dunkeln. Nicht einmal die Zahl der Zoogeschäfte in Deutschland ist bekannt - geschweige denn, was hier Tag für Tag, Jahr für Jahr über die Kundentheke geht. Informationen hierzu liegen allenfalls der örtlichen Veterinärbehörde vor, bundesweit gibt es keine Daten. Neben den Zoogeschäften spielen die Tierbörsen, das Internet und die Kleinanzeigen in einschlägigen Magazinen eine immer größere Rolle im Exotenverkauf. Dieser Handel entzieht sich sogar noch stärker den behördlichen Kontrollen.

PRO WILDLIFE fordert seit Jahren zumindest eine Erfassung aller Wildtierimporte  - Dies wäre die  Voraussetzung für jegliche Unterschutzstellung. Bislang verweisen die zuständigen Artenschutzbehörden lapidar auf die mangelhafte Datenlage, wenn es gilt, Anträge für eine internationale Unterschutzstellung zu erstellen.

Unabsehbare Folgen des Wildtierhandels für Mensch und Natur

Den Preis für den Wildwuchs im Exotenhandel zahlen nicht nur die betroffenen Tiere, die hierzulande millionenfach leiden und jämmerlich zugrunde gehen. Überlebende Tiere werden dem überforderten Halter häufig lästig, da sie aus ihren Terrarien, Aquarien und Käfigen herauswachsen, laut oder gefährlich werden. Die Folge: Papageien werden in Stadtparks ihrem Schicksal überlassen, Schildkröten am Baggersee ausgesetzt, Piranhas oder andere unlieb gewordene Aquarienbewohner über das WC entsorgt. Viele gehen zugrunde, doch die überlebenden können zur Konkurrenz für die heimische Tierwelt. werden. “Faunenverfälschung” heißt dieses massiv zunehmende Problem der Invasion fremder Arten.

Auch für den Menschen kann die leichtsinnige Anschaffung exotischer Haustiere ernste Folgen haben. Von der Gefährlichkeit vieler Arten einmal abgesehen, können exotische Tiere auch Krankheiten auf den Menschen übertragen, sog. “Zoonosen”. So tragen Schlangen, Leguane und Schildkröten oft Salmonellen in sich. Verschiedenen Vogelgrippeerreger und Chlamydien sind unter Wildvögeln weit verbreitet. Fälle solche Krankheitsübertragungen auf den Menschen werden nur selten bekannt, da die Infektionsquelle häufig unentdeckt bleibt. Experten gehen jedoch von einer zunehmenden Gefahr aus.

Fotos: EIA (1), PRO WILDLIFE (4)